
Cybergrooming: Wenn Täter im Netz Vertrauen ausnutzen
Cybergrooming zählt zu den gefährlichsten Online-Gefahren für Minderjährige. Der Begriff beschreibt das gezielte Ansprechen, Manipulieren und Ausnutzen von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit sexuellen Absichten. Täter bauen dabei Schritt für Schritt Vertrauen auf, tarnen ihre Absichten geschickt und nutzen digitale Räume, in denen sich Jugendliche sicher fühlen: Social Media, Messenger, Online-Games oder Foren.
Anders als oft angenommen sind nicht nur Mädchen betroffen. Jungen geraten ebenso in den Fokus – oft sogar über vermeintlich harmlose Gaming-Kontakte. Cybergrooming verläuft dabei selten offen. Täter geben sich jünger, freundlicher oder besonders verständnisvoll. Viele wirken auf den ersten Blick wie neue Freunde, gute Zuhörer oder vertrauenswürdige Kontakte.
Wie Täter vorgehen
Cybergrooming beginnt fast immer unauffällig. Täter zeigen Interesse, loben, hören zu und bauen eine vermeintliche Freundschaft auf. Mit harmlosen Fragen zu Alltag, Hobbys oder Freundeskreis entsteht Nähe. Erst später folgen sexuelle Anspielungen, Aufforderungen zu Fotos, Druck oder Erpressungsversuche. Der Prozess passiert oft langsam, über Tage oder Wochen – deshalb wird er so selten sofort erkannt.
Typische Strategien sind:
- Vortäuschen von Gemeinsamkeiten: gleiche Lieblingsbands, Spiele, Erlebnisse – alles, um Nähe zu erzeugen.
- Intensive Aufmerksamkeit: ständiges Schreiben, schnelle Reaktionen, unerwartete Komplimente.
- Schaffung von Loyalität: angebliche Probleme oder Geheimnisse, die „niemand sonst erfährt“.
- Verlagerung auf private Kanäle: von öffentlichen Plattformen in DMs, Messenger oder Videochats.
- Druckmittel: emotionale Manipulation („Enttäusch mich nicht“), Schuldzuweisungen oder Drohungen.
Für viele Jugendliche sind die Täter oft die einzigen Menschen, denen sie sich ehrlich anvertrauen können. Sie bauen in kürzester Zeit eine intensive Bindung zu den Tätern auf, die sie nicht gefährden möchten. Das macht Cybergrooming so gefährlich.
Warnsignale, die auf Cybergrooming hindeuten
- Der Kontakt wirkt zu interessiert, meldet sich extrem häufig oder wirkt auffällig schnell vertraut.
- Es geht fast ausschließlich um die persönlichen Themen des Teenagers, das Gegenüber gibt nur sehr wenige persönliche Informationen von sich preis.
- Der Täter verspricht Geschenke oder Online-Guthaben im Tausch für Gegenleistungen.
- Der Kontakt behauptet, gleich alt zu sein, liefert aber keine glaubwürdigen Hinweise.
- Das Gegenüber zeigt sich im Videochat nicht – angeblich wegen einer „kaputten Kamera“.
- Es werden Fotos, Videos oder angebliche „Challenges“ eingefordert, die in einem körperlichen oder sexuellen Zusammenhang stehen.
- Der Täter schickt ungefragt freizügige Bilder.
- Das Gegenüber verlangt absolute Verschwiegenheit über den Kontakt, weil andere die besondere Beziehung nicht verstehen würden.
- Treffen außerhalb des Internets werden vorgeschlagen.
- Bei Zweifeln erzeugt der Kontakt sofort Schuldgefühle, Druck oder Drohungen.
Indizien bei möglichen Betroffenen
Täter gehen beim Cybegrooming extrem geschickt vor und ihre Opfer schweigen häufig aus Scham. Folgende Anzeichen können auf eine Betroffenheit bei Jugendlichen hinweisen:
- Rückzug, heimliches Verhalten oder Nervosität beim Blick aufs Smartphone
- starke Stimmungsschwankungen oder unerklärliche Traurigkeit
- plötzliches Löschen von Chatverläufen
- ungewöhnlich lange, intensive Onlinezeiten – vor allem abends oder nachts
- Angst vor Konsequenzen, wenn nach bestimmten Kontakten gefragt wird
- Unerklärliche neue Freundschaften, deren Identität nicht klar ist
Diese Signale bedeuten nicht automatisch Cybergrooming – sie verdienen jedoch Aufmerksamkeit.
Warum viele Jugendliche schweigen
Scham, Angst oder Schuldgefühle sind zentrale Gründe dafür, dass Betroffene sich mit ihrem Leid niemandem anvertrauen. Viele glauben, selbst etwas falsch gemacht zu haben, oder fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Manche werden von Tätern auch aktiv eingeschüchtert, etwa durch die Drohung, intime Bilder zu veröffentlichen.
Deshalb ist eine offene, nicht wertende Haltung im Umfeld entscheidend. Niemand, der Opfer wird, trägt Schuld. Die Verantwortung liegt ausschließlich bei den Tätern. Ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern frei von Vorwürfen erhöht die Chance, dass betroffene Jugendliche sich anvertrauen.
Was im Ernstfall wichtig ist
- Ruhig bleiben und Unterstützung signalisieren. Vorwürfe helfen niemandem weiter.
- Beweise sichern: Screenshots, Chatverläufe, Profilnamen, Links etc. speichern.
- Kontakt abbrechen: Blockieren und bei der Plattform melden.
- Anzeige erstatten: Cybergrooming ist strafbar (§ 176 StGB).
- Professionelle Hilfe einbeziehen, wenn emotionale Belastung oder Erpressung im Spiel ist.
Hilfestellen & Unterstützung
Diese Stellen bieten niedrigschwellige, anonyme Hilfe:
- FragZebra (NRW-Polizei) – Cybergrooming kann dort schnell und unkompliziert online gemeldet werden:
https://www.fragzebra.de - Nummer gegen Kummer – anonym, kostenlos, bundesweit: 116 111
- Krisenchat – Hilfe per Chat, rund um die Uhr: https://krisenchat.de
- Polizei – Cybergrooming ist eine Straftat und kann jederzeit angezeigt werden.
- Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
Diese Angebote unterstützen Jugendliche, Eltern und Fachkräfte – vertraulich und ohne Bewertung.