
Online vs. Offline: Wenn der Schein trügt
Ein kurzer Blick in Social Media und plötzlich wirkt das Leben dort wie ein endloser Werbespot: perfekte Haut, perfekte Körper, perfekte Zimmer, perfekte Urlaube. Alles sieht mühelos, ästhetisch und irgendwie besser aus als der eigene Alltag. Kein Wunder, dass sich viele fragen: Ist das wirklich echt?
Die kurze Antwort: meistens nicht.
Die lange Antwort: Willkommen in der Welt der Inszenierung.
Die perfekte Online-Welt und was dahintersteckt
Bilder und Videos in sozialen Netzwerken sind oft Ergebnisse von zehn verschiedenen Posen, zwanzig Versuchen, drei Filtern, zusätzlichem Licht und oft sogar noch etwas Photoshop. Selbst „spontane“ Schnappschüsse sind oft alles andere als spontan. Viele Influencer planen ihre Fotos wie ein kleines Fotoshooting, inklusive Vorbereitung, Requisiten, Outfits und passendem Wetter. Das Ergebnis wirkt dann lässig und natürlich, ist aber oft genau durchdacht.
Warum das so gut funktioniert? Weil Social Media selten Alltag abbildet, sondern eher eine Bühne ist. Hier wird die Schokoladenseite gezeigt – und zwar mit viel Aufwand.
Was ist echt und was ist inszeniert?
Wer wissen will, wie groß die Unterschiede zwischen Online und Offline sein können, muss nur nach beliebten Reisezielen recherchieren. Oft reicht schon eine einfache Googlesuche, um herauszufinden, dass ein traumhafter Ort in Wirklichkeit eigentlich ganz unspektakulär aussieht.
Ein bekanntes Beispiel: Vom Tempel Pura Lempuyang Luhur auf Bali gibt es weltweit geteilte Fotos, auf denen sich der Tempel perfekt in einem See spiegelt. Ein magischer Look, oder? In Wahrheit liegt dort kein See. Die Spiegelung entsteht durch ein Stück Glas oder einen handlichen Taschenspiegel – ein einfacher Trick, der weltweit Touristinnen und Touristen überrascht hat. Von Magie und Idylle ist vor Ort wenig zu spüren, stattdessen muss man stundenlang anstehen, um das perfekt inszenierte Foto zu ergattern.
Solche Effekte zeigen: Viele Bilder, die „zu schön, um wahr zu sein“ wirken, sind es auch.
#nofilter, #nomakeup, #wokeuplikethis – und die Sache mit der Ehrlichkeit
Viele Creator posten Bilder mit Hashtags wie #nofilter, #nomakeup oder #wokeuplikethis. Die Botschaft: „Ich bin hier ganz natürlich.“ Was eigentlich als Gegenentwurf zu übertriebenen Schönheitsidealen gedacht war, führt aber gleich zum nächsten Problem:
Diese „ehrlichen“ Bilder stehen unter besonders scharfer Beobachtung. Follower suchen nach Make-up-Resten, bearbeiteten Stellen oder versteckten Filtern und stürzen sich regelrecht auf die kleinsten Anzeichen dafür, dass das Bild doch nachbearbeitet wurde. Das zeigt ein grundlegendes Problem: Die Community verlangt nach Perfektion und nach Natürlichkeit – beides gleichzeitig.
Der Pfusch passiert übrigens oft schon beim Fotografieren, ohne dass wir es überhaupt merken. Denn viele Kameras nutzen mittlerweile voreingestellte Beauty-Filter im Porträtmodus.
Kreative Gegenbewegungen: Wenn der Fake enttarnt wird
Einige Künstlerinnen und Künstler haben das Social-Media-Inszenierungsspiel auf die Spitze getrieben und damit eindrücklich gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen Online und Offline tatsächlich sein kann.
Perfekt unperfekt
Die australische Komikerin Celeste Barber parodiert Promi- und Influencer-Fotos.
Sie zeigt die glamourösen Posen in ihrer eigenen, völlig unperfekten Version – und macht damit sichtbar, wie absurd manche Online-Inszenierungen eigentlich sind.
Urlaub mal anders
Die niederländische Künstlerin Zilla van den Born ging besonders weit:
Sie täuschte ihren Followern eine wochenlange Asienreise vor – obwohl sie die ganze Zeit zu Hause war. Mit Photoshop, künstlichem Sonnenbrand und clever geplanten Posts baute sie ein komplettes Fake-Urlaubserlebnis.
Fazit: Ein kritischer Blick lohnt sich
Social Media ist bunt, unterhaltsam – und in vielen Fällen weit entfernt von der Realität. Fotos und Videos zeigen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem echten Leben, und dieser Ausschnitt ist oft sorgfältig inszeniert. Filter, perfekte Perspektiven, gute Beleuchtung und kleine Bearbeitungen gehören für viele Creator zum Standard. Makellosigkeit wirkt dadurch selbstverständlich, obwohl sie nichts mit dem echten Alltag zu tun hat.
Hinzu kommt, dass viele Inhalte überhaupt nicht in dem Moment entstehen, in dem sie gepostet werden. Was wie ein spontaner Einblick wirkt, ist in Wahrheit oft vorproduzierter Content, der gezielt geplant, bearbeitet und zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht wird. Selbst private Momente sind manchmal eher kleine Produktionen als echte Alltagsszenen.
Wer das weiß und sich bewusst macht, wie sehr Online-Inhalte gestaltet werden, kann Social Media entspannter konsumieren – und vermeidet es, sich mit einem Leben zu vergleichen, das so in der Realität oft gar nicht existiert.