
Radikalisierung im Internet: Wie Extremisten online Menschen beeinflussen
Radikalisierung wirkt oft wie ein Phänomen aus einer anderen Welt – bis reale Ereignisse zeigen, wie nah das Problem tatsächlich ist. Ein Beispiel aus Deutschland macht das deutlich: Der Attentäter von Halle, der 2019 einen judenfeindlichen Anschlag verübte, hatte sich jahrelang fast ausschließlich online radikalisiert: über Foren, Imageboards und Livestreams, die extremistische Inhalte verbreiteten. Niemand aus seinem Umfeld bemerkte die Entwicklung rechtzeitig. Das zeigt, wie mächtig digitale Räume für die Radikalisierung von Menschen geworden sind.
Was Radikalisierung bedeutet
Radikalisierung beschreibt einen Prozess, bei dem Menschen extremistische Weltbilder übernehmen und zunehmend bereit sind, demokratische Regeln oder Menschenrechte abzulehnen. Betroffene glauben irgendwann, im Besitz der „einzigen Wahrheit“ zu sein und grenzen sich immer stärker von Familie, Freundeskreis oder Mitschülerinnen und Mitschülern ab.
Jugendliche sind besonders empfänglich für eine Radikalisierung, weil sie sich in einer Phase der Orientierung befinden: Wer bin ich? Welche Rolle will ich im Leben spielen? Extremistische Gruppen bieten klare Identitäten, einfache Antworten und das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Diese Mischung kann verunsicherte oder suchende junge Menschen besonders anziehen.
Nicht jeder Einstieg beginnt im Internet. Oft spielen Freundeskreise oder persönliche Erlebnisse eine zentrale Rolle. Doch das Netz beschleunigt und verstärkt den Prozess massiv, weil dort rund um die Uhr Inhalte, Kontakte und Bestätigung bereitstehen.
Wie das Internet Radikalisierung begünstigt
Digitale Räume bieten perfekte Bedingungen für extremistische Gruppen:
- Leichte Kontaktaufnahme
Über TikTok, Instagram, Telegram, Discord oder Gaming-Communities erreichen extremistische Akteure genau die Zielgruppen, die sie ansprechen wollen. Manche Inhalte werden bewusst harmlose verpackt – mit Memes, Humor oder Bezügen zu Filmen und Musik. - Empfehlungsalgorithmen
Ein Klick auf extremistische oder verschwörungsideologische Inhalte kann dazu führen, dass der Algorithmus immer mehr Ähnliches vorschlägt. Wer zum Beispiel gezielt nach politischen Memes sucht, landet schnell in Bereichen, die Rassismus oder Hass normalisieren. - Private Gruppen als Echokammern
Telegram-Kanäle, Discord-Server oder geschlossene WhatsApp-Gruppen schaffen Räume ohne Widerspruch. Was dort gesagt wird, bleibt so stehen, egal wie extrem oder falsch es ist. - Professionelle Online-Strategien
Islamistische Organisationen, Rechtsextreme, Reichsbürger-Gruppen, antisemitische Netzwerke oder Verschwörungsideologen produzieren teils professionell gestaltete Videos, emotionale Kurzclips oder ganze oder Meme-Pakete. Das Ziel: emotionalisieren, verunsichern und rekrutieren.
Warum Radikalisierung oft unbemerkt beginnt
Radikalisierung im Internet passiert selten plötzlich. Viel häufiger ist sie ein schleichender Prozess, der kaum auffällt – weder den Betroffenen noch ihrem Umfeld. Extremistische Gruppen wissen genau, dass offene Gewaltaufrufe oder klare Ideologien am Anfang abschrecken würden. Deshalb setzen sie auf langsame Annäherung, auf sogenannte „Soft-Strategien“.
Dabei werden zuerst Inhalte geteilt, die noch relativ harmlos wirken: Memes über Politik, Witze über „die da oben“, Videos, die Missstände anprangern, oder Posts, die sich als „mutige Meinung gegen den Mainstream“ inszenieren. Diese Inhalte schaffen zunächst ein Gefühl von Gemeinschaft und „Wir gegen die anderen“. Erst später folgen gezielte Feindbilder, Verschwörungserzählungen oder pseudowissenschaftlich verpackte Lügen, die Schritt für Schritt ein extremistisch geprägtes Weltbild formen.
Viele Gruppen nutzen außerdem Anwerbestrategien in mehreren Stufen:
- Niedrigschwellige Kontaktaufnahme:
harmlose Kommentare, Likes oder kurze Nachrichten, um Nähe aufzubauen. - Einladung in geschlossene Gruppen:
Discord-Server, Telegram-Chats oder private TikTok-Kanäle, in denen Inhalte weniger moderiert werden. - Emotionalisierung:
Videos, die Wut, Angst oder Mitgefühl auslösen sollen, oft verbunden mit der Botschaft, nur die eigene Gruppe habe die richtige Erklärung. - Identitätsangebote:
Rollen wie „Rebellen“, „Beschützer“ oder „kritische Denker“, die Jugendlichen das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. - Abwertung anderer:
Sobald Vertrauen hergestellt ist, wächst die Abgrenzung: Alle, die nicht dazugehören, gelten als Lügner oder Feinde.
Diese Muster gibt es in der islamistischen Szene genauso wie bei Rechtsextremen, Reichsbürgern oder Verschwörungstheoretikern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit psychologischen Mechanismen arbeiten: Zugehörigkeit schaffen, Unsicherheit ausnutzen, die Realität vereinfachen und Feindbilder schüren. Dadurch kann es passieren, dass Betroffene das eigene Weltbild kaum hinterfragen, und das Umfeld die Veränderung erst bemerkt, wenn sie schon weit fortgeschritten ist.
Warnsignale für eine Radikalisierung
Die folgenden Hinweise sprechen nicht automatisch für eine Radikalisierung, können aber ernstzunehmende Signale sein:
- starke Abwertung bestimmter Gruppen oder Minderheiten
- Übernahme extremistischer Schlagworte oder Codes
- Schwarz-Weiß-Weltbild („Wir gegen die anderen“)
- zunehmende Isolation von Freunden oder Familie
- Ablehnung demokratischer Regeln
- extreme Reaktionen auf Widerspruch
- Konsum einschlägiger Kanäle, Foren oder Influencer
Was Erwachsene tun können
Radikalisierung lässt sich nicht durch Verbote stoppen – aber durch Beziehung, klare Haltung und Unterstützung. Wichtig sind:
- Gespräche statt Vorwürfe, auch wenn Meinungen extrem wirken
- Konsequentes Benennen von Lügen und Hass, ohne zu eskalieren
- Interesse zeigen, wo Jugendliche sich online bewegen
- Professionelle Hilfe nutzen, wenn der Kontakt abzubrechen droht
Hilfestellen
- Beratungsstelle Radikalisierung
Für Angehörige und Bezugspersonen
https://www.beratungsstelle-radikalisierung.de/DE/Startseite/startseite_node.html - EXIT-Deutschland
Unterstützt Menschen, die die rechtsextreme Szene verlassen wollen
https://www.exit-deutschland.de - Violence Prevention Network
Präventionsarbeit gegen religiösen und politischen Extremismus
https://violence-prevention-network.de